Cabinet cantonal des estampes
Francisco José de Goya y Lucientes, Le songe de la raison enfante des monstres
(Les Caprices, planche 43)
(détail), 1797-1789, eau forte et aquatinte,
215 x 150 mm, Musée Jenisch Vevey - Cabinet cantonal des estampes,
Fondation William Cuendet & Atelier de Saint-Prex, Collection P


Cabinet cantonal des estampes

Das Cabinet cantonal des estampes: «forever young»
Das Cabinet cantonal des estampes begeistert seit seiner Einweihung vom 11. April 1989 im Musée Jenisch Vevey. Nach einem ersten fruchtlosen Versuch im Musée de l'Élysée in Lausanne machte es damals die Hoffnung wahr, im Waadtland einen Ort für die Druckgrafik und ihre Geschichte zu schaffen. Die grossartigen Sammlungen, die im Waadtland von Alexis Forel, William Cuendet, Pierre Decker und mehreren anonymen Sammlern begründet worden waren; die zahllosen Künstlerinnen und Künstler, die sich der Druckgrafik verschrieben haben – allen voran Pietro Sarto als einer ihrer grössten Verfechter –; die druckgrafischen Ateliers, darunter das Atelier von Saint-Prex und jenes von Raymond Meyer in Pully; die Sammlung des Kunstmuseums Lausanne (Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne): Sie alle waren mehr als Grund genug, die mannigfaltigen Ausdrucksformen und Techniken der Druckgrafik unter ihrem gemeinsamen Nenner, einer grossen Leidenschaft, einem möglichst breiten Publikum näherzubringen.

Leidenschaft ist seit diesen Anfängen auch eine Eigenschaft des Cabinet cantonal des estampes in Vevey. Untergebracht ist es im Kunstmuseum der Stadt Vevey, das sich nicht zuletzt dank dieser Gegebenheit über die Jahre hinweg zu einem Kompetenzzentrum für Werke auf Papier entwickeln konnte. Das Cabinet cantonal des estampes hat sich seinerzeit nicht etwa für einen Namen entschieden, der zum Ausdruck bringen würde, dass es ebenso Zeichnungen wie Drucke aufbewahrt: Da es schon immer für seine Besonderheiten eingestanden ist, trägt es vielmehr einen Namen, der so viel wie «Druckgrafisches Kabinett des Kantons Waadt» bedeutet – eine Verpflichtung, die heute bedeutender ist als je zuvor.

Trotz seines jugendlichen Alters – man denke etwa an andere, bis zu dreihundertjährige Sammlungen – ist es dem von seiner ersten Konservatorin Nicole Minder entwickelten und von Lauren Laz in seiner Identität bestärkten Cabinet cantonal des estampes bereits gelungen, mit seinen Ausstellungen, Publikationen und Raritäten nationales wie internationales Ansehen zu erlangen. Ohne die Zusammenarbeit mit seinen Partner-Sammlungen und den ihm anvertrauten öffentlichen und privaten Sammlungen wäre dies nicht möglich gewesen. Nachdem es während fast 20 Jahren das Erdgeschoss des 1897 erbauten Gebäudes belegte, hebt es sich seit 2012 nur noch diskret von den Strukturen des Musée Jenisch Vevey ab und stützt dieses wesentlich in seiner Wiedererkennbarkeit und Identität.

Der Auftrag des Cabinet cantonal des estampes besteht auch nach all diesen Jahren nach wie vor darin, ein kunsthistorisches Erbe zu bewahren, zu verbreiten und zu vermitteln, Künstlerinnen und Künstler in ihrem druckgrafischen Schaffen zu begleiten, die Stätten zur Herstellung und Herausgabe von Druckgrafiken zu fördern, die historische wie zeitgenössische Entwicklung der Druckgrafik zu erforschen und schliesslich zu vermitteln und vor allem sichtbar zu machen, worin die ureigenen Besonderheiten dieses Ausdrucksmittels bestehen. Denn eine Druckgrafik ist und bleibt das Resultat eines ein Stück weit rätselhaften und zufälligen technischen Vorgangs, bei dem ein Bild von einer Matrize gezogen wird und sich so vervielfachen lässt. Auf dass sich diese Magie immer wieder von neuem zeige und jeden und jede zu erstaunen vermöge!

Laurence Schmidlin, Konservatorin des Cabinet cantonal des estampes und Vize-Direktorin des Musée Jenisch Vevey


Geschichte
Das Cabinet cantonal des estampes wurde 1989 in Vevey mit dem Ziel eröffnet, die im Kanton Waadt verstreuten druckgrafischen Sammlungen an einem Ort zu vereinen. Heute bewahrt es mehr als 30’000 Werke auf, die teilweise öffentlichen Sammlungen, aber auch Sammlungen von Privaten oder Stiftungen angehören, die mit ihrer Grosszügigkeit und ihrem Vertrauen in die Institution einen wesentlichen Beitrag zur Vermittlung der Druckgrafik leisten. Seine Aufgabe sieht das Cabinet cantonal des estampes in der Aufbewahrung, dem Studium und der Unterstützung der Druckgrafik sowie darin, seine Begeisterung für diese Kunstform mit all ihren Erscheinungsformen zu zeigen und zu teilen. Die Wechselausstellungen, Publikationen und saisonalen Aufhängungen richten sich an ein breites Publikum, das sich ebenso aus sachverständigen Liebhabern wie aus aufgeschlossenen und neugierigen Novizen zusammensetzt. Dem Cabinet cantonal des estampes, das Verbindungen zu den Kunstschulen und Druckwerkstätten der Region pflegt, ist es ein grosses Anliegen, das wertvolle und vielseitige druckgrafische Erbe von der Renaissance bis hin zum zeitgenössischen Schaffen zu erschliessen und wertzuschätzen, wozu es sich auf seine umfangreichen Sammlungen stützen kann. Seine Präsenz im Musée Jenisch Vevey ist Teil der Strategie, die auf eine optimale Strahlkraft und Verbreitung von Werken auf Papier abzielt.

Vor seiner Gründung im Musée Jenisch Vevey im Jahr 1987 war das Cabinet cantonal des estampes bereits unter dem Konservator Florian Rodari im Musée de l'Élysée in Lausanne gegenwärtig. Sein Dasein ging auf das Engagement zahlreicher Künstler und Sachverständiger zurück, die sich für die Erschaffung eines Ortes zur Aufbewahrung und Ausstellung druckgrafischer Werke eingesetzt hatten – unter anderem deshalb, weil der Kanton Waadt über hochkarätige druckgrafische Sammlungen wie jene des Pfarrers William Cuendet und des Chirurgen Pierre Decker verfügte, die erhalten und auch ausgestellt werden wollten. Nebst diesen Sammlungen umfasste das 1980 eröffnete Musée de l'Élysée aber auch die waadtländischen ikonografischen Sammlungen und eine fotografische Abteilung. Nach dem Weggang Florian Rodaris im Jahr 1983 und der damit einhergehenden Neuausrichtung des Museums auf die Fotografie wurden mehrere druckgrafische Sammlungen verlegt und auf Anregung Bernard Blatters, damals Direktor des Musée Jenisch, in Vevey aufgenommen. 1986 beschloss der Kanton Waadt, sich mit seinen Sammlungen anzuschliessen, worauf weitere Sammlungen folgten. 1989 konnte schliesslich das Cabinet cantonal des estampes eröffnet werden.

Als allererste Konservatorin entwickelte Nicole Minder das Cabinet cantonal des estampes mit einem Engagement ohnegleichen. Von 1989 bis 2006 organisierte sie mehr als 60 Ausstellungen und machte diesen der Druckgrafik verschriebenen Ort zu einem der aktivsten in ganz Europa.

Von 2007 bis 2013 führte Lauren Laz das Studium der Bestände und die Professionalisierung der Institution weiter. Mit ihren Ausstellungen vermittelte sie so unterschiedliche Welten wie jene von Erik Desmazière, David Lynch oder Robert Nanteuil.

2013 folgte Laurence Schmidlin sowohl als Kuratorin als auch als Vizedirektion des Musée Jenisch. Zum 25 jährigen Jubiläum der Eröffnung des Cabinet cantonal des estampes im Herbst 2014 zeigte sie die Ausstellung La Passion Dürer, womit sie gleichermassen den Künstler Albrecht Dürer als auch die Sammler William Cuendet, Pierre Decker und Alexis Forel ehrte, die für den Ursprung der Institution stehen.

Nach mehr als 15 Jahren in Vevey vermag das Cabinet cantonal des estampes nach wie vor das Vertrauen zahlreicher Schenker und Partner zu gewinnen, deren Bestände es an der Seite der ursprünglichen Sammlung der Stadt Vevey aufbewahrt. In diesem Sinne fungiert es als Aufbewahrungsort für die druckgrafischen Sammlungen des Kantons Waadt, der Fondation William Cuendet & Atelier de Saint-Prex, der druckgrafischen Sammlung von Pierre Decker, der Association du Musée Alexis Forel und der Fondation Pierre Aubert sowie einer Auswahl an Drucken aus der Sammlung der Gottfried Keller-Stiftung. Letztere ist im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft, welche verschiedenen Schweizer Museen ihr Vertrauen schenkt, indem sie ihnen ihre Werke zur Aufbewahrung anvertraut. Dank dieser Aufbewahrung an ein und demselben Ort machen diese komplementären Sammlungen eine umfassende Reflexion über die Kunst, die Geschichte und die Technik der Druckgrafik möglich.

Dank der grosszügigen Unterstützung der Fondation Leenaards konnte auf die Wiedereröffnung des Musée Jenisch Vevey vom Juni 2012 hin der Studienraum «Salle Leenaards» geschaffen werden, der eine Fachbibliothek umfasst und ideale Bedingungen für das Studium von Werken auf Papier bietet. Der Zugang erfolgt nach Vereinbarung und auf Antrag.

Die Präsenz des Cabinet cantonal des estampes im Musée Jenisch ist Teil der Museumsstrategie, welche die Anerkennung und Erschliessung der grafischen Künste in der französischsprachigen Schweiz bezweckt.

Die Wertschätzung und Erschliessung der Bestände findet ihre Fortsetzung auch im Rahmen des Projektes CROP.


Fondation Pierre Aubert
Fondation William Cuendet & Atelier de Saint-Prex
Fonds Pierre Decker
Collection du Musée Alexis Forel
Collection des estampes de l'État de Vaud
Collection des estampes de la Ville de Vevey